Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit

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== Konzept der ”Mikrogeschichte als Menschengeschichte” ==
 
== Konzept der ”Mikrogeschichte als Menschengeschichte” ==
[[Otto Ulbricht]] etabliert in diesem Buch sein Konzept der Mikrogeschichte als Menschengeschichte. Er führt sie als direkte Gegenbewegung an zur französischen [[Annales-Schule]], und damit einhergehend der «Quantifizierung der Geschichte»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 9.</ref>. Durch die Kombination von Quellen und die detailreiche Betrachtung derselben bekomme man die «Innenseite der Fakten»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 14.</ref> in den Blick. Durch überlieferte Selbstdarstellungen oder Dialoge gelinge auch ein Blick in die emotionale Situation der Betroffenen. Gemäss Ulbricht behält die Geschichte durch die Mikrogeschichte ihr menschliches Antlitz.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 65.</ref>
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Otto Ulbricht etabliert in diesem Buch sein Konzept der Mikrogeschichte als Menschengeschichte. Er führt sie als direkte Gegenbewegung an zur französischen [[Annales-Schule]], und damit einhergehend der «Quantifizierung der Geschichte»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 9.</ref>. Durch die Kombination von Quellen und die detailreiche Betrachtung derselben bekomme man die «Innenseite der Fakten»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 14.</ref> in den Blick. Durch überlieferte Selbstdarstellungen oder Dialoge gelinge auch ein Blick in die emotionale Situation der Betroffenen. Gemäss Ulbricht behält die Geschichte durch die Mikrogeschichte ihr menschliches Antlitz.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 65.</ref>
  
 
== Synopsis ==
 
== Synopsis ==
[[Otto Ulbricht | Otto Ulbrichts]] Buch von 2009 zeigt drei verschiedene Aspekte bezüglich seiner Konzeption von Mikrogeschichte als Menschengeschichte auf. Die Leserin, der Leser erhält einen breiten Überblick über die Entstehung der [[Mikrogeschichte]], die vielfältige empirischen Möglichkeiten und neue, zukunftsfähige Ansätze mikrogeschichtlichen Arbeitens.
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Ulbrichts Buch von 2009 zeigt drei verschiedene Aspekte bezüglich seiner Konzeption von Mikrogeschichte als Menschengeschichte auf. Die Leserin, der Leser erhält einen breiten Überblick über die Entstehung der [[Mikrogeschichte]], die vielfältige empirischen Möglichkeiten und neue, zukunftsfähige Ansätze mikrogeschichtlichen Arbeitens.
  
 
=== Mikrogeschichte als Menschengeschichte ===
 
=== Mikrogeschichte als Menschengeschichte ===
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=== Mikrogeschichte als Menschengeschichte konkret ===
 
=== Mikrogeschichte als Menschengeschichte konkret ===
Im zweiten umfassendsten Teil führt [[Otto Ulbricht]] sechs eigene empirische, mikrogeschichtliche Untersuchungen an. Allen ist eine prägende Episode im Leben einzelner Menschen als Ausgangspunkt gemeinsam. Je nach Quellenlage geht Ulbricht in den Beispielen auc auf allgemeinere Fragen ein. Dazu wählt er sechs Menschen aus dem 17. und 18. Jahrhundert aus als Vertreterin oder Vertreter bestimmter Stände<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 65.</ref> und unterschiedlicher sozialer Situationen.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 64.</ref> Gemeinsam ist bei allen sechs ein kleines Gebiet im heutigen [[Deutschland]], in welchem sie lebten oder zumindest einmal im Leben vorbeikamen, sowie natürlich ein prägendes Lebensereignis, das mehr oder weniger schriftliche Quellen generierte.
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Im zweiten umfassendsten Teil führt Otto Ulbricht sechs eigene empirische, mikrogeschichtliche Untersuchungen an. Allen ist eine prägende Episode im Leben einzelner Menschen als Ausgangspunkt gemeinsam. Je nach Quellenlage geht Ulbricht in den Beispielen auc auf allgemeinere Fragen ein. Dazu wählt er sechs Menschen aus dem 17. und 18. Jahrhundert aus als Vertreterin oder Vertreter bestimmter Stände<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 65.</ref> und unterschiedlicher sozialer Situationen.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 64.</ref> Gemeinsam ist bei allen sechs ein kleines Gebiet im heutigen [[Deutschland]], in welchem sie lebten oder zumindest einmal im Leben vorbeikamen, sowie natürlich ein prägendes Lebensereignis, das mehr oder weniger schriftliche Quellen generierte.
  
 
Erster ist Clauss Paulsen, der den sozialen Aufstieg bis zum [[Vogt]] erreichte, also eines der höchsten Ämter unter den Bediensteten. Aufgrund verschärfter Gesetzeslage und vermehrten Unstimmigkeiten mit dem neuen Gutsherrn fürchtet Paulsen, dass seine Familie und er in die Leibeigenschaft geraten könnten. Somit gibt er sein bisheriges Leben auf, flieht in die nächstgelegene Stadt und schickt Bittschriften für seine Sache an den höhergestellten Herzog. Davon wurden 20 Briefe überliefert. Der Fall von Clauss Paulsen zeigt neben der Lebenssituation eines Vogtes unter anderem auch das zu dieser Zeit schon länger gespannte Verhältnis zwischen den Städten und dem Stand der Adligen.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 100.</ref> Die Quellenlage lässt offen, wie sich der Fall von Paulsen weiter entwickelte. Es gibt jedoch die begründete Vermutung, dass Otto Paulsen, einer seiner Söhne, 1621 in dieser Stadt den Bürgereid ablegen konnte, die Nachkommen von Clauss Paulsen also in Freiheit leben konnten.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 103.</ref>
 
Erster ist Clauss Paulsen, der den sozialen Aufstieg bis zum [[Vogt]] erreichte, also eines der höchsten Ämter unter den Bediensteten. Aufgrund verschärfter Gesetzeslage und vermehrten Unstimmigkeiten mit dem neuen Gutsherrn fürchtet Paulsen, dass seine Familie und er in die Leibeigenschaft geraten könnten. Somit gibt er sein bisheriges Leben auf, flieht in die nächstgelegene Stadt und schickt Bittschriften für seine Sache an den höhergestellten Herzog. Davon wurden 20 Briefe überliefert. Der Fall von Clauss Paulsen zeigt neben der Lebenssituation eines Vogtes unter anderem auch das zu dieser Zeit schon länger gespannte Verhältnis zwischen den Städten und dem Stand der Adligen.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 100.</ref> Die Quellenlage lässt offen, wie sich der Fall von Paulsen weiter entwickelte. Es gibt jedoch die begründete Vermutung, dass Otto Paulsen, einer seiner Söhne, 1621 in dieser Stadt den Bürgereid ablegen konnte, die Nachkommen von Clauss Paulsen also in Freiheit leben konnten.<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 103.</ref>
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Kritik erntet das Buch, da befürchtet wird, dass es vergangene Streitigkeiten in Forschungskreisen der Geschichtswissenschaft wieder aufleben lassen könnte: Ob nun Mikrogeschichte gegenüber anderen historischen Ansätzen wirklich eine grössere Realitätsnähe besitze; oder ob die Feststellung zutreffe, dass die sonst «üblichen historischen Synthesen» aus sich widersprechenden Fakten ausgewählt wurden und daher eine «willkürliche, subjektive Interpretation»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 343.</ref> darstellen. [[Achim Landwehr]] stellt dem gegenüber, dass diese Aussagen zu ähnlichen Teilen auch auf die Mikrogeschichte zutreffen.<ref>Landwehr, Achim ”Rezension von: Otto Ulbricht: Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus 2009, in: ”sehepunkte 9” (2009), Nr. 9 [15.09.2009], http://www.sehepunkte.de/2009/09/16205.html (30.06.2019).</ref> Ulbricht prangert in diesem Werk einen Alleinvertretungsanspruch gewisser Historiker, Anhängerinnen oder Anhängern der obigen grossen Synthese, an und zitiert dazu den amerikanischen Historiker [[Richard D. Brown]]: «Unsere intellektuelle Vitalität profitiert von unseren unterschiedlichen FOrschungsansätzen […]. Deshalb sollten wir […] auf unseren unterschiedlichen Wegen fortfahren. Wir werden weiterhin nicht nur Synthesen brauchen […]. Mikrogeschichte ist eine Art, Geschichte zu treiben, nicht die einzige»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 60.</ref>. Aussagen des Autors zum Ende des Buches, wie die «grössere Realitätsnähe»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 339.</ref> mikrogeschichtlicher Studien oder deren stärkeren «Anspruch auf Glaubwürdigkeit»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 343.</ref> bestärken die vorherige Kritik von Achim Landwehr, dass bei Ulbricht diese Gleichwertigkeit unterschiedlicher Forschungsansätze zu kurz kommt.
 
Kritik erntet das Buch, da befürchtet wird, dass es vergangene Streitigkeiten in Forschungskreisen der Geschichtswissenschaft wieder aufleben lassen könnte: Ob nun Mikrogeschichte gegenüber anderen historischen Ansätzen wirklich eine grössere Realitätsnähe besitze; oder ob die Feststellung zutreffe, dass die sonst «üblichen historischen Synthesen» aus sich widersprechenden Fakten ausgewählt wurden und daher eine «willkürliche, subjektive Interpretation»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 343.</ref> darstellen. [[Achim Landwehr]] stellt dem gegenüber, dass diese Aussagen zu ähnlichen Teilen auch auf die Mikrogeschichte zutreffen.<ref>Landwehr, Achim ”Rezension von: Otto Ulbricht: Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus 2009, in: ”sehepunkte 9” (2009), Nr. 9 [15.09.2009], http://www.sehepunkte.de/2009/09/16205.html (30.06.2019).</ref> Ulbricht prangert in diesem Werk einen Alleinvertretungsanspruch gewisser Historiker, Anhängerinnen oder Anhängern der obigen grossen Synthese, an und zitiert dazu den amerikanischen Historiker [[Richard D. Brown]]: «Unsere intellektuelle Vitalität profitiert von unseren unterschiedlichen FOrschungsansätzen […]. Deshalb sollten wir […] auf unseren unterschiedlichen Wegen fortfahren. Wir werden weiterhin nicht nur Synthesen brauchen […]. Mikrogeschichte ist eine Art, Geschichte zu treiben, nicht die einzige»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 60.</ref>. Aussagen des Autors zum Ende des Buches, wie die «grössere Realitätsnähe»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 339.</ref> mikrogeschichtlicher Studien oder deren stärkeren «Anspruch auf Glaubwürdigkeit»<ref>Ulbricht, Otto (2009) ”Mikrogeschichte: Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit”, Frankfurt und New York: Campus Verlag: Seite 343.</ref> bestärken die vorherige Kritik von Achim Landwehr, dass bei Ulbricht diese Gleichwertigkeit unterschiedlicher Forschungsansätze zu kurz kommt.
  
Dennoch, das Buch von [[Otto Ulbricht]] bietet einerseits eine gute Einführung in die Thematik der [[Mikrogeschichte]], andererseits aber auch neue Impulse für den kritischen, theoretischen Diskurs.
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Dennoch bietet das Buch von Otto Ulbricht einerseits eine gute Einführung in die Thematik der [[Mikrogeschichte]], andererseits aber auch neue Impulse für den kritischen, theoretischen Diskurs.
  
 
== Einzelnachweise ==
 
== Einzelnachweise ==