Oskar Panizza – Eine Negergeschichte

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Tantam vim et efficaciam
nonnulli phantasiae et
imaginationi in proprium
imaginantis corpus tribuerunt.
Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus.


Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte Hamburgs als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort, einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in’s Innere Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.—

Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen. An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,—als plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein Neger zu mir in’s Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe die Thüre aufgerissen … so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander von Kauderwelsch übergossen: “… halloo! Sie sind der Dokter?—You are the doctor!”-“Jawohl!”—”Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation vorzutragen;—ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;—sehr wichtig und sehr erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.—Aber ich glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,—at least I presume;—Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,—ich meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,—aber es ist doch wahr,—es ist furchtbar wahr,—es ist fast zu toll, um wahr zu sain.—I’m a nigger;—that is, I have been a nigger!—Ich habe Neger gewesen!—oh,—ich bin Neger gewesen!—Ich bin Neger nicht mehr!…”—

Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger, der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator wohnenden Stämmen findet. Der Mann war ganz schwarz; jene Schwärze mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr darbietet; mit einem Wort, ein echter Sudan-Neger.—Er war abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut, keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau’s, rechts und links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole nochmals, die Haut ganz schwarz.—Ich muß sagen, das Erscheinen dieses Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden. Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend klingelte es, und es kamen neue Patienten.—Auf der andern Seite beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.—Die Suada, die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.—Das Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden aufhalten,—sagte ich mir rasch,—ist das Saufen; sie leiden alle an der Leber;—und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist der Schnapsgenuß;—vielleicht,—dachte ich mir,—leidet der Mann an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles vorführen kann, mit den Worten: “Mein lieber Freund, sind Sie krank, und wo fehlt es Ihnen?”—”Krank?”—replicirte mein schwarzes Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,—”krank,—nein! ich sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher …”—”Ja, was wollen Sie dann von mir?”—frug ich etwas ärgerlich.—”Bitte, Docter,—haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!”—In diesem Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange, und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei, mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. “Was haben Sie Docter?” frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.—”Eine Kleinigkeit für Sie,—um Ihnen zu helfen!”—”Geld?”—schrie er,—”ich brauch kein Geld, hab’ ich selbst Geld,”—und hieb mit der rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;—”Geld ist Schmutz!”—fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd vor das Gesicht.—”Hier Docter, wollen Sie Geld?—Geld ist Schmutz!” schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen, mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber- und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem erregten Menschen gegenüber zu verfahren.—

“Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in London,—Docter!—und hab viel schmutzig Geld gemacht;”—nahm mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.—”Sagen Sie mir, wo es Ihnen fehlt,”—begann ich nun meinerseits sehr ruhig und entgegenkommend,—”damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten einige fünfzig Personen!”—fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür des Warte-Zimmers weisend.—”All right!”—sagte der Neger, brachte das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte sich in Positur und fuhr dann fort: “Ich bin aus Pululi….”—”Von mir aus von wo der Pfeffer wächst!”—entgegnete ich mißmuthig, und stand vom Stuhl auf.—”Nein!—nicht von Pfeffer-Küste!”—replicirte der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine Wendung verstanden zu haben,—”Pfeffer-Küste ist weiter gegen Sonnen-Untergang;”—”Weiter, weiter, weiter!—Damit wir zu ihrer Krankheit kommen.”—”Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu—so!”—in diesem Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus, und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing ein Kind heftig zu schreien an.—”Ja, Docter, ich uar beste dancer in Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing hat mich in Unglück gestürzt!…”—”Was soll aber ich mit dem Allen?” ich,—”Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!”—”Aine schöne Tag kommt ain Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;—und er zeigt mir Hand mit schmutzig Gold,—so!”—und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: “Und dann?”—”Ich bin gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und nicht schmutzig. Und hab’ bestiegen eine große englische Schiff, und wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate ich hab’ nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab’ nicht gewußt, daß ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool.”—”Weiter, weiter, weiter!” drängte ich.—”In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie Mehl und Kreide,—scheußlich!—scheußlich!”—”Weiter, weiter!—Haben Sie das Klima nicht vertragen?”—”Klima?—Was ist Klima?—Luft war gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!”—”Daran gewöhnt man sich doch!?”—”Oh yes, Docter!—daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;—aber aine Tag, als ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block Wasser….”—”Ein Block Wasser,—was soll das heißen?”—”Ich schaue durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen.”—”Es wird ein Schaufenster gewesen sein?”—-“Well, es uar ein Block festes Wasser.”—”Es war eine Glasscheibe!”—”Well, Glas ist festes Wasser!” —”Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!—Was weiter?”—”Well, Docter, ich schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein, und Docter, was sehe ich?”—”Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas; Sie werden sich selbst gesehen haben?”—”Ein schwarzes Scheusal!—Ein fletschender Gorilla!—Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar das scheußliche Thier; jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz; und daß Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing, weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!”—”Mein Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!”—”Ja, und jetzt hab’ ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von Engländerinnen sehr pretty,—ja, sehr schön;-und dann hab’ ich geflucht dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und ich habe beschlossen, daß ich muß werden uaiß….”—”Sie haben beschlossen weiß zu werden?—Ja, das wird Sie wenig helfen!”—”Was? Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles kann ändern?!”—”Was haben wir in unserem Kopfe?”—”Wir haben Etwas, das Alles kann machen, wie es will!”—”Das versteh’ ich nicht; was soll das heißen?”—”Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?” “Ja, wir haben doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!”—”Nix Farbtopf!—oder Farbtopf im Kopfe;—nix falsche Farb,—echte Farb!”—”Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?”—”Well, Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem Wasser-Block und hab’ hineingeschaut, und hab’ mir gesagt: Poppy, du mußt uaiß werden, und hab’ fast nichts mehr gegessen, und nicht mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt’ nicht mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze Nacht,—endlich, Docter, nach ßuai Monate,—nachdem ich uar wie ein Hund,—konnt’ nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne uaiße Negerbild….”—”Nun?” frag ich voller Erwartung.—”Well, Docter, nach ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,—it was a wonderfall sight!—ich bin geworden uaiß….”—”Weise oder weiß?”—”Well,—eine Morgen, in Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,—ich bin gehabt,—oh, ich habe gehabt uaiße Farb,—wunderschöne uaiße Gesicht,-oh, I tell you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab’ gesagt, ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff geschickt nach Hamburg….”

In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte, wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher. Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen plötzlich Verunglückten gebracht.—”Ja, und womit kann ich Ihnen nun dienen?”—frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.—”Well, Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin uaiß,—die schwarzen Teufel, die mich….” Ich konnte den Rest seiner Rede nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: “Ja, mein lieber Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan….” In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf…. Ich hätte wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer, beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in’s Zimmer gestürzt, von denen der Eine zum Andern sagte: “Da ist er!”—Bei ihrem Anblick ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den Worten “Da sind sie, die schwarzen Teufel!” auf sie. Es entstand ein fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen. Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie immer und immer wieder: “Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen Teufel!”; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.—Endlich wurde der Neger überwältigt und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben, und huida!—hast du nicht gesehen?—-fort ging’s in’s Irrenhaus.

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