Wiener Klassik

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[[Datei:Martini bologna mozart 1777.jpg|miniatur|hochkant=0.6|links|W. A. Mozart im Alter von 21 mit dem [[Orden vom Goldenen Sporn]]]]
 
[[Datei:Martini bologna mozart 1777.jpg|miniatur|hochkant=0.6|links|W. A. Mozart im Alter von 21 mit dem [[Orden vom Goldenen Sporn]]]]
  
Typisch für den Zeitstil der Klassik (auch außerhalb Wiens und Österreichs) ist eine Vorliebe für helle [[Dur]]<nowiki/>tonarten und für eine in der Grundtendenz eher heiter beschwingte Musik, die streckenweise zu dramatisch-monumentalen Ausbrüchen tendiert und von starken Kontrasten lebt. Ein im Vergleich zu [[Barockmusik|Barock]] oder [[Romantik]] eher rationaler Grundton entspricht den Idealen der [[Aufklärung]] und dem Klassizismus in der Kunst. Besonders die Musik von Haydn und Mozart zeichnet sich oft durch einen gewissen [[Witz]] und [[Humor]] aus, die zur großen Popularität ihrer Werke beitrugen und -tragen.<ref>Für Haydn siehe: H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 12</ref> Hinzu kommt ein auffällig fantasievoller Umgang mit [[Harmonik]], [[Modulation (Musik)|Modulation]] und [[Chromatik|Chromatik,]] sowie eine relativ starke Einbeziehung von [[Moll]]-tonarten, wodurch ausdrucksmäßig tiefere Bereiche erreicht werden, als dies in der zeitgenössischen Musik oft üblich war. Dies gilt vor allem für die Zeit vor 1800.
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Typisch für den Zeitstil der Klassik (auch außerhalb Wiens und Österreichs) ist eine Vorliebe für helle [[Dur]]<nowiki/>tonarten und für eine in der Grundtendenz eher heiter beschwingte Musik, die streckenweise zu dramatisch-monumentalen Ausbrüchen tendiert und von starken Kontrasten lebt. Ein im Vergleich zu [[Barockmusik|Barock]] oder [[Romantik]] eher rationaler Grundton entspricht den Idealen der [[Aufklärung]] und dem Klassizismus in der Kunst. Besonders die Musik von Haydn und Mozart zeichnet sich oft durch einen gewissen [[Witz]] und [[Humor]] aus, die zur großen Popularität ihrer Werke beitrugen und -tragen.<ref>Für Haydn siehe: H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 12</ref> Hinzu kommt ein auffällig fantasievoller Umgang mit [[Harmonik]], [[Modulation (Musik)|Modulation]] und [[Chromatik]], sowie eine relativ starke Einbeziehung von [[Moll]]-tonarten, wodurch ausdrucksmäßig tiefere Bereiche erreicht werden, als dies in der zeitgenössischen Musik oft üblich war. Dies gilt vor allem für die Zeit vor 1800.
 
[[Datei:Beethoven.jpg|miniatur|hochkant=0.6|Ludwig van Beethoven (1770–1827), Gemälde von [[Joseph Karl Stieler]], 1820]]
 
[[Datei:Beethoven.jpg|miniatur|hochkant=0.6|Ludwig van Beethoven (1770–1827), Gemälde von [[Joseph Karl Stieler]], 1820]]
Insgesamt werden das Heitere und das Ernste, das Leichte und das [[Intellektuell]]e in einer charakteristischen Weise durchmischt, wodurch die Musik im Sprachgebrauch der Epoche sowohl „für Kenner und für Liebhaber“<ref>””Für Kenner und Liebhaber”” ist der Titel einer sechsbändigen Sammlung von Clavierwerken, die der einflussreiche [[Carl Philipp Emanuel Bach]] zwischen 1779 und 1787 herausgab, also zeitgleich mit Mozart und Haydn, die ihn sehr schätzten (Neuausgabe bei Breitkopf und Härtel). </ref> ansprechend wird.<ref>Ähnlich Landon über Haydns Musik: H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 12</ref> Dabei muss betont werden, dass einige typisch klassische Gattungen wie [[Divertimento]] oder [[Serenade]] mehr der Unterhaltung dienen, während das noch ganz neue [[Streichquartett]], als dessen eigentlicher Vater und größter Meister Joseph Haydn gilt, die intellektuellste Gattung der Zeit ist; Sinfonien oder Konzerte liegen im Anspruch etwa in der Mitte.
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Insgesamt werden das Heitere und das Ernste, das Leichte und das [[Intellektuell]]e in einer charakteristischen Weise durchmischt, wodurch die Musik im Sprachgebrauch der Epoche sowohl „für Kenner und für Liebhaber“<ref>””Für Kenner und Liebhaber”” ist der Titel einer sechsbändigen Sammlung von Clavierwerken, die der einflussreiche [[Carl Philipp Emanuel Bach]] zwischen 1779 und 1787 herausgab, also zeitgleich mit Mozart und Haydn, die ihn sehr schätzten (Neuausgabe bei Breitkopf und Härtel). </ref> ansprechend wird.<ref>Ähnlich Landon über Haydns Musik: H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 12</ref> Dabei muss betont werden, dass einige typisch klassische Gattungen wie [[Divertimento]] oder [[Serenade]] mehr der Unterhaltung dienen, während das noch ganz neue [[Streichquartett]], als dessen eigentlicher Vater und größter Meister Joseph Haydn gilt, die intellektuellste Gattung der Zeit ist; Sinfonien oder Konzerte liegen im Anspruch etwa in der Mitte.
  
 
Typisch für die Kompositionsweise der Wiener Klassik sind drei Verfahren: [[Begleitung (Musik)#Obligates Akkompagnement|obligates Accompagnement]], [[durchbrochener Stil]] und besonders [[motivisch-thematische Arbeit]]. Diese Kompositionsverfahren werden in den meisten Gattungen angewandt, nachdem sie hauptsächlich in der [[Kammermusik]] (Streichquartett, [[Sonate]] u.&nbsp;a.) und in der Orchestermusik ([[Sinfonie]]) vornehmlich von Joseph Haydn entwickelt worden sind. Auch in der geistlichen Musik und z. T. selbst in der [[Oper]] bestimmen sie die Faktur des Komponierten. Ein entscheidendes Merkmal im Gegensatz zur vorangehenden galanten Epoche und der Musik der Vorklassik ist die Einbeziehung kontrapunktischer und [[Polyphonie|polyphoner]] Techniken, die zuvor (außer in kirchlicher Musik) völlig aus der Mode waren und oft als Rückgriff auf den Barock verstanden werden.
 
Typisch für die Kompositionsweise der Wiener Klassik sind drei Verfahren: [[Begleitung (Musik)#Obligates Akkompagnement|obligates Accompagnement]], [[durchbrochener Stil]] und besonders [[motivisch-thematische Arbeit]]. Diese Kompositionsverfahren werden in den meisten Gattungen angewandt, nachdem sie hauptsächlich in der [[Kammermusik]] (Streichquartett, [[Sonate]] u.&nbsp;a.) und in der Orchestermusik ([[Sinfonie]]) vornehmlich von Joseph Haydn entwickelt worden sind. Auch in der geistlichen Musik und z. T. selbst in der [[Oper]] bestimmen sie die Faktur des Komponierten. Ein entscheidendes Merkmal im Gegensatz zur vorangehenden galanten Epoche und der Musik der Vorklassik ist die Einbeziehung kontrapunktischer und [[Polyphonie|polyphoner]] Techniken, die zuvor (außer in kirchlicher Musik) völlig aus der Mode waren und oft als Rückgriff auf den Barock verstanden werden.
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Am Kaiserhof wirkten im Zeitraum von 1760 bis 1790 die bedeutenden Opernkomponisten [[Christoph Willibald Gluck]], [[Florian Leopold Gassmann]] und [[Antonio Salieri]] (die beiden letzteren gehörten auch zum privaten Quartettzirkel Josephs II.)<ref>Elisabeth Hilscher: ”Mit Leier und Schwert – Die Habsburger und die Musik”, Styria, Graz/Wien/Köln 2000, S. 170, 174 f</ref>. Zur gleichen Zeit wirkte auch [[Vincenzo Righini]] in Wien. Überhaupt hatte die italienische Oper in Wien einen ungewöhnlich hohen Stellenwert im Vergleich zu den meisten anderen Regionen in Deutschland und auf dem Programm der Wiener Hofoper wurden regelmäßig Werke der international bekanntesten Komponisten gespielt, von denen einige, wie [[Giovanni Paisiello]], [[Domenico Cimarosa]] oder [[Vicente Martín y Soler]]<ref>„Mozart und das Theater seiner Zeit – Die Oper in Wien in den 1780er Jahren“, in: H.C. Robbins Landon: ”Das Mozart Kompendium”, Droemer Knaur, München 1991, S. 425–430, besonders 428 ff (Aufstellung der beliebtesten Komponisten und Opern in Wien 1781–1791)</ref> auch vorübergehend in Wien wirkten – der letztere arbeitete in den 1780er Jahren mit Mozarts Librettist [[Lorenzo Da Ponte|Lorenzo da Ponte]] zusammen, genau wie auch Salieri. Einen besonderen Erfolg hatte zu dieser Zeit die [[Opera buffa]], die mit ihrem Witz und Esprit auch auf die Instrumentalmusik besonders von Haydn und Mozart einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausübte. Haydn kannte das Buffa-Repertoire sehr gut, da er an der Hofoper in [[Schloss Esterházy (Fertőd)|Eszterháza]] in den 1770er und 1780er Jahren nicht nur seine eigenen Opern aufführte, sondern auch zahlreiche Werke der italienischen Starkomponisten.<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 73–74</ref> In Wien selber förderte Kaiser Joseph II. ab 1776 das [[Singspiel|Deutsche Nationalsingspiel]], für das u.&nbsp;a. Mozart seine ”[[Die Entführung aus dem Serail|Entführung aus dem Serail]]” schrieb; das kaiserliche Singspielprojekt hatte jedoch nicht den erhofften Erfolg beim Publikum und musste nach einigen Jahren schließen.<ref>Elisabeth Hilscher: ”Mit Leier und Schwert – Die Habsburger und die Musik”, Styria, Graz/Wien/Köln 2000, S. 175</ref>
 
Am Kaiserhof wirkten im Zeitraum von 1760 bis 1790 die bedeutenden Opernkomponisten [[Christoph Willibald Gluck]], [[Florian Leopold Gassmann]] und [[Antonio Salieri]] (die beiden letzteren gehörten auch zum privaten Quartettzirkel Josephs II.)<ref>Elisabeth Hilscher: ”Mit Leier und Schwert – Die Habsburger und die Musik”, Styria, Graz/Wien/Köln 2000, S. 170, 174 f</ref>. Zur gleichen Zeit wirkte auch [[Vincenzo Righini]] in Wien. Überhaupt hatte die italienische Oper in Wien einen ungewöhnlich hohen Stellenwert im Vergleich zu den meisten anderen Regionen in Deutschland und auf dem Programm der Wiener Hofoper wurden regelmäßig Werke der international bekanntesten Komponisten gespielt, von denen einige, wie [[Giovanni Paisiello]], [[Domenico Cimarosa]] oder [[Vicente Martín y Soler]]<ref>„Mozart und das Theater seiner Zeit – Die Oper in Wien in den 1780er Jahren“, in: H.C. Robbins Landon: ”Das Mozart Kompendium”, Droemer Knaur, München 1991, S. 425–430, besonders 428 ff (Aufstellung der beliebtesten Komponisten und Opern in Wien 1781–1791)</ref> auch vorübergehend in Wien wirkten – der letztere arbeitete in den 1780er Jahren mit Mozarts Librettist [[Lorenzo Da Ponte|Lorenzo da Ponte]] zusammen, genau wie auch Salieri. Einen besonderen Erfolg hatte zu dieser Zeit die [[Opera buffa]], die mit ihrem Witz und Esprit auch auf die Instrumentalmusik besonders von Haydn und Mozart einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausübte. Haydn kannte das Buffa-Repertoire sehr gut, da er an der Hofoper in [[Schloss Esterházy (Fertőd)|Eszterháza]] in den 1770er und 1780er Jahren nicht nur seine eigenen Opern aufführte, sondern auch zahlreiche Werke der italienischen Starkomponisten.<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 73–74</ref> In Wien selber förderte Kaiser Joseph II. ab 1776 das [[Singspiel|Deutsche Nationalsingspiel]], für das u.&nbsp;a. Mozart seine ”[[Die Entführung aus dem Serail|Entführung aus dem Serail]]” schrieb; das kaiserliche Singspielprojekt hatte jedoch nicht den erhofften Erfolg beim Publikum und musste nach einigen Jahren schließen.<ref>Elisabeth Hilscher: ”Mit Leier und Schwert – Die Habsburger und die Musik”, Styria, Graz/Wien/Köln 2000, S. 175</ref>
  
Joseph Haydn lebte zwar in Kindheit und Jugend in Wien, war jedoch von 1761 bis 1790 eigentlich fast ständig in den Residenzen der Esterházy in [[Eisenstadt]] und [[Fertőd|Fertöd]],<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 73</ref> und zwischen 1791 und 1795 war er die meiste Zeit in London.<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 95–146</ref> Er gehörte also zu dieser Zeit eigentlich nur am Rande zum Wiener Musikleben. Aufgrund zahlreicher Kopien und Drucke waren seine Werke (besonders Quartette und Sinfonien) jedoch nicht nur in Wien und Deutschland, sondern in ganz Europa bekannt, und Haydn war aufgrund der außergewöhnlichen Qualität seiner geistsprühenden Musik spätestens ab den 1770er Jahren eine internationale musikalische Berühmtheit. Schon ab Anfang der 1780er Jahre wollte man ihn nach London holen<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 87</ref> und er bekam Kompositionsaufträge aus Paris ”([[Pariser Sinfonien]])” und Spanien ”([[Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze]]).” Seine perfekt durchorganisierte und dabei ästhetisch ansprechende und unterhaltsame Instrumentalmusik war Vorbild für viele Komponisten auch außerhalb österreichischer Lande, darunter neben Mozart und Beethoven junge Musiker wie [[Joseph Martin Kraus]], dessen Sinfonien Haydn selber in [[Schloss Esterházy (Fertőd)|Eszterháza]] aufführte, [[Antonio Rosetti]] oder [[Adalbert Gyrowetz]], von dem eine Sinfonie unter Haydns Namen veröffentlicht wurde.<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 84–85</ref> [[Ignaz Pleyel]] war ein Schüler Haydns und wurde sogar von Mozart geschätzt. Selbst der aus einem ganz anderen musikalischen Milieu stammende [[Luigi Boccherini]] – einer der bedeutendsten Kammermusikkomponisten der Zeit, der zwar in seiner Jugend einige Jahre in Wien verbracht hatte,<ref>Remigio Coli: ”Luigi Boccherini” (Italienisch), Maria Pacini Fazzi editore, Lucca 2005, S. 28–35 (Aufenthalte von Boccherini in Wien 1758 und 1760–1761)</ref> aber seinen sehr persönlichen Stil mehr aus italienischen, französischen und spanischen Inspirationsquellen kreierte – nahm Anregungen aus Haydns Werken an.<ref>Remigio Coli: ”Luigi Boccherini” (Italienisch), Maria Pacini Fazzi editore, Lucca 2005, S. 119 u. v. a. (Einfluss Haydns auf Werke Boccherinis), S. 122–124 (Briefwechsel)</ref>
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Joseph Haydn lebte zwar in Kindheit und Jugend in Wien, war jedoch von 1761 bis 1790 eigentlich fast ständig in den Residenzen der Esterházy in [[Eisenstadt]] und [[Fertőd|Fertöd]],<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 73</ref> und zwischen 1791 und 1795 war er die meiste Zeit in London.<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 95–146</ref> Er gehörte also zu dieser Zeit eigentlich nur am Rande zum Wiener Musikleben. Aufgrund zahlreicher Kopien und Drucke waren seine Werke (besonders Quartette und Sinfonien) jedoch nicht nur in Wien und Deutschland, sondern in ganz Europa bekannt, und Haydn war aufgrund der außergewöhnlichen Qualität seiner geistsprühenden Musik spätestens ab den 1770er Jahren eine internationale musikalische Berühmtheit. Schon ab Anfang der 1780er Jahre wollte man ihn nach London holen<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 87</ref> und er bekam Kompositionsaufträge aus Paris ”([[Pariser Sinfonien]])” und Spanien ”([[Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze]]).” Seine perfekt durchorganisierte und dabei ästhetisch ansprechende und unterhaltsame Instrumentalmusik war Vorbild für viele Komponisten auch außerhalb österreichischer Lande, darunter neben Mozart und Beethoven junge Musiker wie [[Joseph Martin Kraus]], dessen Sinfonien Haydn selber in [[Schloss Esterházy (Fertőd)|Eszterháza]] aufführte, [[Antonio Rosetti]] oder [[Adalbert Gyrowetz]], von dem eine Sinfonie unter Haydns Namen veröffentlicht wurde.<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 84–85</ref> [[Ignaz Pleyel]] war ein Schüler Haydns und wurde sogar von Mozart geschätzt. Selbst der aus einem ganz anderen musikalischen Milieu stammende [[Luigi Boccherini]] – einer der bedeutendsten Kammermusikkomponisten der Zeit, der zwar in seiner Jugend einige Jahre in Wien verbracht hatte,<ref>Remigio Coli: ”Luigi Boccherini” (Italienisch), Maria Pacini Fazzi editore, Lucca 2005, S. 28–35 (Aufenthalte von Boccherini in Wien 1758 und 1760–1761)</ref> aber seinen sehr persönlichen Stil mehr aus italienischen, französischen und spanischen Inspirationsquellen kreierte – nahm Anregungen aus Haydns Werken an.<ref>Remigio Coli: ”Luigi Boccherini” (Italienisch), Maria Pacini Fazzi editore, Lucca 2005, S. 119 u. v. a. (Einfluss Haydns auf Werke Boccherinis), S. 122–124 (Briefwechsel)</ref>
  
 
Mozart erreichte während seines kurzen Lebens trotz seiner Reisen in Jugendjahren nicht annähernd eine solch internationale Berühmtheit als Komponist, sondern war nach seinem Umzug nach Wien 1781 eher eine lokale Größe. Erst nach seinem frühen Tode fanden seine Werke eine weitere Verbreitung und es setzte nach und nach eine Glorifizierung seiner Person ein. Als entscheidend für die Konstitution einer „Wiener Klassik“ werden vor allem die Jahre nach Mozarts Übersiedelung nach Wien angesehen, obwohl er (wie Haydn) schon vorher Werke komponiert hatte, die dem entsprechenden Maßstab gerecht wurden. Doch bildete sich nach 1781 bis zu einem gewissen Grad eine kompositorische Interaktion zwischen Joseph Haydn und Mozart heraus, unter anderem mit der Anregung, die von Haydns neuartigen [[Liste der Streichquartette Haydns|Streichquartetten]] (op. 33, 1781) und seinen Symphonien vor allem auf den jüngeren Komponisten ausging, dann aber auch inspirierend auf Haydn zurückwirkte.
 
Mozart erreichte während seines kurzen Lebens trotz seiner Reisen in Jugendjahren nicht annähernd eine solch internationale Berühmtheit als Komponist, sondern war nach seinem Umzug nach Wien 1781 eher eine lokale Größe. Erst nach seinem frühen Tode fanden seine Werke eine weitere Verbreitung und es setzte nach und nach eine Glorifizierung seiner Person ein. Als entscheidend für die Konstitution einer „Wiener Klassik“ werden vor allem die Jahre nach Mozarts Übersiedelung nach Wien angesehen, obwohl er (wie Haydn) schon vorher Werke komponiert hatte, die dem entsprechenden Maßstab gerecht wurden. Doch bildete sich nach 1781 bis zu einem gewissen Grad eine kompositorische Interaktion zwischen Joseph Haydn und Mozart heraus, unter anderem mit der Anregung, die von Haydns neuartigen [[Liste der Streichquartette Haydns|Streichquartetten]] (op. 33, 1781) und seinen Symphonien vor allem auf den jüngeren Komponisten ausging, dann aber auch inspirierend auf Haydn zurückwirkte.
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[[Datei:Carl Philipp Emanuel Bach.jpg|mini|hochkant=0.5|Carl Philipp Emanuel Bach]]
 
[[Datei:Carl Philipp Emanuel Bach.jpg|mini|hochkant=0.5|Carl Philipp Emanuel Bach]]
  
Neben den insgesamt bereits reichen Einflüssen des Wiener Musiklebens hatten alle drei Wiener Klassiker auch andere Vorbilder. So wies Haydn selber darauf hin, dass er in seinem eigenen Clavierstil stark von [[Carl Philipp Emanuel Bach]] beeinflusst wurde,<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 22 und 37</ref> und für seine kontrapunktischen Spielereien dürfte sein Studium des ”Gradus ad Parnassum” von [[Johann Joseph Fux|Fux]]<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 36</ref> prägend gewirkt haben. Haydn scheint auch teilweise aus österreichisch-volkstümlichen Quellen zu schöpfen<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 12</ref> und vor allem in einigen Quartetten findet man gelegentlich Einflüsse ungarischer Volks- oder Zigeunermusik. Insgesamt war Haydn ein ungewöhnlich origineller und progressiver Komponist, der viel experimentierte und noch im Alter von über 60, in seiner Londoner Zeit, offen für neue Ideen und Anregungen war.
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Neben den insgesamt bereits reichen Einflüssen des Wiener Musiklebens hatten alle drei Wiener Klassiker auch andere Vorbilder. So wies Haydn selber darauf hin, dass er in seinem eigenen Clavierstil stark von [[Carl Philipp Emanuel Bach]] beeinflusst wurde,<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 22 und 37</ref> und für seine kontrapunktischen Spielereien dürfte sein Studium des ”Gradus ad Parnassum” von [[Johann Joseph Fux|Fux]]<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 36</ref> prägend gewirkt haben. Haydn scheint auch teilweise aus österreichisch-volkstümlichen Quellen zu schöpfen<ref>H. C. Robbins Landon: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981, S. 12</ref> und vor allem in einigen Quartetten findet man gelegentlich Einflüsse ungarischer Volks- oder Zigeunermusik. Insgesamt war Haydn ein ungewöhnlich origineller und progressiver Komponist, der viel experimentierte und noch im Alter von über 60, in seiner Londoner Zeit, offen für neue Ideen und Anregungen war.
  
 
[[Datei:Michaelhaydn1.jpg|mini|links|hochkant=0.5|Michael Haydn]]
 
[[Datei:Michaelhaydn1.jpg|mini|links|hochkant=0.5|Michael Haydn]]
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* [[Thrasybulos Georgiades]]: ”Schubert, Musik und Lyrik”. Göttingen 1967
 
* [[Thrasybulos Georgiades]]: ”Schubert, Musik und Lyrik”. Göttingen 1967
 
* [[Raphael Georg Kiesewetter]]: ”Geschichte der europäisch- abendländischen oder unserer heutigen Musik”. Leipzig 1834
 
* [[Raphael Georg Kiesewetter]]: ”Geschichte der europäisch- abendländischen oder unserer heutigen Musik”. Leipzig 1834
* [[H. C. Robbins Landon]]: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981
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* [[H. C. Robbins Landon]]: ”Joseph Haydn – sein Leben in Bildern und Dokumenten”, Verlag Fritz Molden, Wien et. al., 1981
 
* H. C. Robbins Landon: ”Das Mozart Kompendium”, Droemer Knaur, München 1991
 
* H. C. Robbins Landon: ”Das Mozart Kompendium”, Droemer Knaur, München 1991
 
* [[Charles Rosen]]: ”Der klassische Stil. Haydn, Mozart, Beethoven.” Bärenreiter, Kassel etc. 1983, ISBN 978-3-7618-1235-8
 
* [[Charles Rosen]]: ”Der klassische Stil. Haydn, Mozart, Beethoven.” Bärenreiter, Kassel etc. 1983, ISBN 978-3-7618-1235-8